Heimliche Geliebte und uneheliche Kinder, exzentrische Genies, tragische Irrtümer, mörderische Fantasien, seltsame Formen der Liebe und überraschende Augenblicke, die uns für immer verändern. In knapp fünfzig Prosaminiaturen gelingt es Daniela Fischerová mit bewundernswürdiger Reduktion und auf kleinstem Raum, von den außergewöhnlichen Schicksalen ihrer Figuren — und manchmal auch vom eigenen — zu erzählen. Ihre Sprache ist brillant, ironisch und poetisch, ihre Geschichten sind mitunter skurril, aber niemals banal. Die besten unter ihnen zeichnen eine Landkarte des Lebens zwischen Alltäglichkeit und schockierender Abweichung, zwischen Lachen und Weinen.
Daniela Fischerová (geb. 1948) ist Dramatikerin und Erzählerin und unterrichtete viele Jahre an der Theaterfakultät der Akademie der Musischen Künste in Prag. Ihr erstes Theaterstück, »Stunde zwischen Hund und Wolf« (1979), löste einen politischen Skandal aus, woraufhin ihre Stücke mehrere Jahre lang nicht aufgeführt werden durften. Auch ihre weiteren Theaterinszenierungen fielen der Zensur zum Opfer. In den achtziger Jahren gehörte sie zum Dissidentenkreis um Václav Havel, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus zu seinen Ratgebern. Erst Mitte der neunziger Jahre stellte sich Fischerová auch als Autorin von Prosatexten vor.
»Prosaminiaturen, scharf, perfekt pointiert, auf das Wesentliche reduziert« (Štěpán Kučera, Právo)
Die Chinesen haben ein Sprichwort: »Die Geschichte vom Tiger wird wahr, wenn wenigstens drei Menschen sie erzählen.« Einer von ihnen
werde nun ich sein.
Ich war eine altkluge Sechsjährige. Ich verbrachte ein trostloses halbes Jahr im Krankenhaus, und auf dem Einweisungsformular stand: »Knochen: schwach. Muskulatur: matt. Füße: platt. Sekundäre Geschlechtsmerkmale: unterentwickelt.« Auf einem anderen Blatt lesen wir freilich: »Intelligenz: für ihres Alter hoch.« Sicher haben Sie den Fehler bemerkt: »Für ihres Alter« ist inhaltlich und grammatikalisch Unsinn.
Vielleicht möchten Sie wissen, woran ich litt und warum ich keine Besuche erhielt, aber das spielt für die Tigergeschichte keine Rolle. Ausgeschlossen aus der Welt der Gesunden mit Geschlechtsmerkmalen, lebte ich in der Welt der Wörter. Hier eine Kostprobe meiner damaligen Schätze: Nebelgrauer Trichterling (ein Pilz). Kap-Klippspringer (eine kleine Antilope). Brimborium. Im Grunde war es mir fast egal, was diese Wörter bedeuteten, mich berauschte ihr Klang. Stundenlang konnte ich vor mich hinmurmeln: »Brimboriumbrimborium«. Der Begriff Mantra war damals noch nicht geläufig, aber ich gelangte in einen ozeanischen Zustand, in dem ich mir selbst abhanden kam. Was für eine Erleichterung!
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