Simon Raven: Zur Leichenschau
Simon Raven:
»Zur Leichenschau«
Roman
Aus dem Englischen übersetzt
von Sabine Franke
2024, geb., farbiges Vorsatz,
Lesebändchen, 288 S.
€ 22 [D] / € 22,70 [A] / sFr 29,90
Subskriptionspreis bei Abnahme des Gesamtwerks:
€ 19 [D] / € 19,60 [A] / sFr 25,90

ISBN 978-3-96160-018-2

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Romanreihe

Mit der ersten deutschen Übersetzung der Romanreihe »Almosen fürs Vergessen« kann Simon Raven nun endlich auch hierzulande entdeckt werden. Mal mehr, mal weniger locker mit dem Lebensweg des englischen Berufssoldaten und Schriftstellers Fielding Gray verbunden, der nach einem Indienaufenthalt auch auf Zypern und in Deutschland stationiert ist, umspannen die zehn jeweils eigenständig lesbaren Romane erzählerisch die Jahre 1945 bis 1973. Sie sind miteinander verwoben durch die Mitglieder einer Gruppe privilegierter Internatsschüler, die sich im ersten Band »Fielding Gray« eben anschicken, in verschiedene politische, publizistische, wirtschaftliche und militärische Schaltstellen des britischen Gesellschaftslebens aufzurücken. Berührend, unerschrocken und höchst unterhaltsam erzählt Simon Raven davon, wie »menschliches Bemühen und Wohlwollen beständig dem heimtückischen Wirken von Zeit, Zufall und der übrigen Menschheit ausgesetzt sind«. Ein elitäres Bildungssystem, der Zusammenbruch des Britischen Reiches, Suezkrise und Kalter Krieg, Atomwaffenentwicklung und Studentenrevolte bilden den Hintergrund, vor dem die moralische Hybris und die menschlichen Schwächen der britischen Oberschicht und der zunehmend auch tonangebenden »Upper Middle Class« ins Visier genommen werden.
Die Ausgabe startete im Frühjahr 2020 mit dem Roman »Fielding Gray« in der Übersetzung von Sabine Franke und wird in halbjährlichem Rhythmus durch jeweils einen weiteren Roman der Reihe ergänzt, bis sie im Herbst 2024 abgeschlossen sein wird. Subskribenten der Ausgabe wird ein Preisnachlass von € 3,— je Band gewährt.

Buch

London 1972: Die Spitzen der Konservativen Partei sind in Aufruhr, nach­dem sich ein hochrangiger Politiker aus dem Wirtschaftsministerium unerwartet das Leben genommen hat. Einen Skandal gilt es unbedingt zu vermeiden, und so machen sich hinter den Kulissen ein ehemaliger Weggefährte sowie ein vom Inlandsgeheimdienst entsandter Spezialist daran, der Sache auf den Grund zu gehen. Welche Mission hat der ehrgeizige Staatssekretär und intrigante Strippenzieher zuletzt verfolgt? Und wo den Tag vor seinem Tod verbracht? Lässt sich der Schlüssel für das Geheimnis gar in seiner Internatszeit finden, in der er, bis zuletzt unverheiratet, seine wenigen Freundschaften schloss?
Im neunten Band seines Gesellschaftspanoramas »Almosen fürs Vergessen« wirft Simon Raven einen weiteren gnadenlosen Blick auf das britische Establishment und den illustren Kreis ehemaliger Schüler eines Eliteinternats. Und wie häufig bei Simon Raven sind es im Getümmel menschlicher Bestrebungen und Begierden die Schicksalsgöttinnen, die zuletzt — und am bösesten — lachen.

Autor

Simon Raven (1927—2001) besuchte als Spross einer Strumpffabrikantenfamilie die elitäre Charterhouse School, von der er 1945 wegen homosexueller Handlungen relegiert wurde. Unter seinen Mitschülern waren u. a. James Prior (später Minister im Kabinett von Margaret Thatcher) sowie der spätere Herausgeber der »Times«, William Rees-Mogg. Beide hat er in der Romanreihe »Almosen fürs Vergessen« literarisch verewigt. Nach seinem Militärdienst, den Raven als Offiziersanwärter in Indien ableistete, studierte er ab 1948 am King’s College in Cambridge Altphilologie. Er wurde Vater eines Sohnes und heiratete widerwillig. In finanzielle Schwierigkeiten geraten, trat er erneut in die Armee ein, wurde in Deutschland und in Kenia stationiert, quittierte den Dienst aber schließlich, um eine unehrenhafte Entlassung wegen Wettschulden abzuwenden. Fortan widmete er sich der Schriftstellerei und arbeitete als Literaturkritiker. Der Verleger Anthony Blond nahm ihn 1958 unter der Bedingung, mindestens 50 Meilen von Londons Vergnügungsstätten entfernt zu wohnen, unter Vertrag — ein Arrangement, das sich drei Jahrzehnte bewährte. Ein ausschweifender Lebenswandel, kühne Meinungen, seine offen ausgelebte Bisexualität und die Tatsache, dass er das Material für seine Bücher aus dem unmittelbaren Freundeskreis gewann und mit freizügigen Sexszenen und scharfzüngigen Urteilen über die Gesellschaft kombinierte, verschafften ihm einen Ruf als Schandmaul unter den englischen Nachkriegsautoren. Gleichwohl wurde er von namhaften Kollegen wie etwa Anthony Powell nicht nur als Literaturkritiker, sondern auch als Literat geschätzt. Sein 10-bändiger Romanzyklus »Alms for Oblivion« (1964—1976) wird heute mit dem Werk von Lawrence Durrell, Graham Greene, Anthony Powell und Evelyn Waugh verglichen und Raven als »einer der brillantesten Romanciers seiner Generation« bewertet (Patrick Newley). Bekannt wurde Raven auch durch die Verfilmung von Trollopes »The Pallisers« (1974) und die Fernsehserie »Edward and Mrs. Simpson« (1978) sowie die Mitarbeit am Drehbuch für den James-Bond-Film »Im Geheimdienst Ihrer Majestät« (1969). Dem Vorwurf, ein Snob zu sein, begegnete er mit dem Hinweis, er schreibe »für Leute, die sind wie ich: gebildet, weltgewandt und skeptisch«.

Pressestimmen

»Hier geht es sehr angelsächsisch zu — und das wird rücksichtslos verlacht« (Peter Ackroyd, Spectator)

»Eine funkelnde Reverenz an die schier unendliche Vielfalt menschlicher Gemeinheiten« (Times Literary Supplement)

»Ein schönes Lesevergnügen ... ein Autor mit Kultpotenzial.« (Michael Angele, Der Freitag)

»Raven vollbringt in ›Fielding Gray‹ ein kleines Meisterstück.« (Andreas Platthaus, Frankfurter Allgemeine Zeitung)

»Raven schockiert, weil er Beschämendes mit Eleganz würdigt — und Würdevolles beschämend darstellt.« (Stephen Fry)

»Raven denkt wie ein Halunke, aber er schreibt wie ein Engel.« (The Guardian)

»Der vergnüglichste Romanzyklus, der jemals geschrieben wurde.« (A. N. Wilson)

»Selbstbewusst, weltgewandt, skurril... Ein höchst unterhaltsamer Erzählstil.« (Sunday Times)

Auszug

Im Badezimmer von Somerset Lloyd-James’ Junggesellenwohnung im Albany kühlte das Badewasser langsam ab, erst war es heiß, dann warm, dann lauwarm und dann kühl. Als schließlich der erste Strahl der frühen Morgensonne durchs Fenster fiel, war das Wasser endgültig kalt; kalt und hellrot lag es im geschäftigen Sonnenlicht da, still und leicht grindig reichte es, wie eine Decke, bis unter Somerset Lloyd-James‘ Kinn.
Später klatschten, nur wenige Meter entfernt, ein paar Briefe durch den Türschlitz auf den Flurboden, und noch eine Weile später klingelte im Wohnzimmer das Telefon, verstummte, klingelte erneut (dreizehn Mal), und hörte wieder auf. Aber Somerset Lloyd-James, der so oft erwartungsvoll den Hörer abgenommen, verärgert oder genüsslich hineingehorcht und Anweisungen gegeben oder Verbote erteilt hatte — Somerset Lloyd-James im Wasser rührte sich nicht, die Kälte und der Schmutz kümmerten ihn nicht; denn kein Telefonklingeln konnte ihn jetzt dazu bringen, herbeizueilen, und kein hell erstrahlender Morgen seine steifen Schenkel in Bewegung setzen.

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