1996
Am Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg geben Ingo Držečnik und Roman Pliske die Literaturzeitschrift metamorphosen heraus, in der neben Buch- und Filmbesprechungen, Aufsätze zu Literatur, Kunst und Kultur sowie regionaler Kulturberichterstattung auch Erstveröffentlichungen junger Talente erscheinen. Bei Ihrer Arbeit lernen sie den Lyriker Andreas Holschuh kennen, dessen Gedichte Unterderhand sie sofort begeistern und der eigentliche Anlass für die Verlagsgründung werden. Sie verkaufen kurzerhand ihre Autos, gehen auf die Suche nach einer bezahlbaren Druckerei und finden diese im tschechischen Klatovy, unweit der bayerischen Grenze. Das erste Buch der neuen Reihe »Edition Lyrik der Jahrtausendwende« erscheint als Hardcover mit Schutzumschlag und farbig bedrucktem Vorsatz und setzt damit einen ersten ästhetischen Maßstab für die bald in rascher Folge erscheinenden Elfenbein-Bücher. Um weiter Kosten zu sparen, begeben sich die Verleger auf abenteuerliche Tschechienfahrten, wo sie die fertig gedruckten und gebundenen Bücher selbst kontrollieren und abholen sowie mit Zöllnern über Einfuhrumsatzsteuern und »pornographische Inhalte« verhandeln.
Noch arbeitet der Verlag in Privaträumen und hauptsächlich auf Kommissionsbasis: Die Verleger liefern ihre Bücher selbst an die regionalen Sortimenter und rechnen erst nach Verkauf mit dem Buchhändlern ab.

1997
Auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert der Elfenbein Verlag an seinem Stand zum Themenschwerpunkt Portugal den Gedichtband Canções – Lieder von Antònio Botto mit einem Essay von Fernando Pessoa, den Erzählband Das Haus am Rande des Dorfes des jungen Schriftstellers José Riço Direitinho sowie sieben weitere Titel aus den Bereichen deutsche Prosa und Lyrik. Die Bücher finden schon in den Buchmessebeilagen große Beachtung in der überregionalen Presse und machen den Verlag schon bald zum Tipp für zeitgenössische und klassische portugiesische Literatur. Mit Direitinhos Erzählband wird ein Elfenbein-Buch von Wilfried Schoeller erstmals im Fernsehen vorgestellt. Autorenlesungen werden nun zum festen Bestandteil des Verlagsvertriebs. Die Bestellungen nehmen auch aufgrund des Aufbaus einer eigenen Internetpräsenz deutlich zu.
8 Titel sind mittlerweile lieferbar. Noch immer lagern die Bücher im Schlafzimmer unter den Betten und werden aufwändig selbst versendet.

1998
Zum 70. Todestag stellt der Verlag den ersten Band einer auf 8 Bände angelegten Werkausgabe des expressionistischen Lyrikers, Dramatikers und Erzählers Klabund (i.e. Alfred Henschke) unter der Herausgeberschaft von Ralf Georg Bogner (Rostock), Joachim Grage (Göttingen), Julian Paulus (Heidelberg) und Christian v. Zimmermann (Bern) vor. Die Presse ist begeistert, da dieses Unternehmen die erste vollständige Zusammenstellung der zu Lebzeiten Klabunds erschienenen Texte bietet, und urteilt: »Es spricht in der Tat vieles dafür, Klabund neu zu entdecken« (Wolfgang Neuber, »Frankfurter Rundschau«). Die Folgebände erscheinen bis 2002 in halbjährlichem Turnus. Zum ersten Mal bietet der Verlag eine Subskriptionsmöglichkeit an, die in nur wenigen Monaten die Finanzierung der Klabund-Herausgabe sichert. Der Verlag nimmt den Erfolg der Ausgabe zum Anlass, im Bereich der Literarischen Moderne weitere zu Unrecht vergessene Autoren wiederzuentdecken. Im Frühjahr 1999 erscheinen dann Hanns von Gumppenbergs Lyrikparodien auf seine Zeitgenossen: Das Teutsche Dichterroß. In allen Gangarten vorgeritten, in einer von Robert Seidel besorgten Ausgabe mit Aufschlüsselung sämtlicher Gedichtvorlagen.
Die Zahl der lieferbaren Titel ist mittlerweile auf 13 angestiegen und erfordert den Umzug des Verlags aus den privaten Räumlichkeiten in die Friedrichstraße, in unmittelbare Nachbarschaft zur Heidelberger Fußgängerzone: Ein ehemaliges Tankstellenwärterhäuschen mit eigener Toilette ist nun der neue Verlagssitz.
In der Heidelberger Altstadt werden die Verleger nun als »die zwei von der Tankstelle« bezeichnet. Nicole Grabert wird Verlagsvertreterin und reist fortan zweimal jährlich vor den Messen in Leipzig und Frankfurt durch die Buchhandlungen in Deutschland und bewirbt das Programm. Diese Professionalisierung im Bereich Außendienst zieht auch eine Verbesserung des Vertriebs nach sich: Mit der Gemeinsamen Verlagsauslieferung (GVA) in Göttingen, wo Leonore Frester, Jutta Krause, Karl Klaus Rabe und Rainer Papp die Fäden zusammenhalten, hat der aufstrebende Kleinverlag den idealen Partner gefunden.  

1999
Rechtzeitig zur 500. Wiederkehr der Entdeckung des Seewegs nach Indien durch Vasco da Gama erscheint erstmals nach über 100 Jahren eine neue vollständige Übersetzung der Lusiaden von Luís de Camões: von Hanns-Joachim Schaeffer kongenial verdeutscht, in einer großformatigen, bibliophil gestalteten zweisprachigen Ausgabe. Hans Ulrich Gumbrecht lobt die Übersetzung in der »Frankfurter Allgemeinen« als »wunderbar präzise«, Hans-Jürgen Schmitt (»Frankfurter Rundschau«) findet die Ausgabe »fabelhaft schön und gründlich kommentiert«.
Egon Bondys Roman Die invaliden Geschwister eröffnet eine neue Reihe mit tschechischer Gegenwartsliteratur im Elfenbein Verlag – der im slowakischen »Exil« lebende Autor wird zu Lesungen nach Berlin und Köln eingeladen und sieht sich einem begeisterten Publikum gegenüber.
Mit Beat Eberle und der schweizerischen »AVA – Buch 2000« arbeitet der Elfenbein Verlag fortan mit einem weiteren erfahrenen Vertreter und einer soliden Auslieferung im südlichen Nachbarland zusammen. Die Zahl der lieferbaren Titel ist auf 20 angestiegen.
Im Elfenbein Verlagshaus wohnen nun gut ein Dutzend freie Mitarbeiter: Sven Limbeck und Rafael Arnold verantworten das portugiesische Lektorat, Sabine Franke, Volker Doberstein und Ralf Georg Bogner unterstützen das deutsche Lektorat, Oda Ruthe ist (im wahrsten Sinne) federführend für den grafischen Auftritt des Verlags, und Andrea König bringt die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit auf Vorderfrau. Dazu kommen jede Menge engagierte Übersetzer, Herausgeber, Lektoren und gute Seelen ...  

2000
Mit Ulrich Holbeins umfangreichem Zitatenroman Isis entschleiert, für den Werner Fuld im »Focus« eine Empfehlung ausspricht und über den Johannes Salzwedel eine ganze Seite im »Spiegel« schreibt, holt der Elfenbein Verlag einen der wichtigsten und eigenwilligsten Schriftsteller in sein Programm deutschsprachiger Autoren. Innerhalb kurzer Zeit ist das Buch vergriffen und die zweite Auflage schon im Druck. Ein verdienter Erfolg: Drei Monate wurden an diesem Kunstwerk des Buchsatzes alleine in die Gestaltung investiert, alle Satz- und Bildarbeiten im Hause selbst realisiert. Da nun eine Mitarbeiterin und Praktikanten die Verleger tatkräftig unterstützen, wird das Tankstellenhäuschen nun doch zu eng: Elfenbein zieht in ein solides Büro an der gleichen Adresse – der Aufstieg von ebenerdiger, fußkalter Lagerraumatmosphäre ins Hochparterre eines Altbaus ist vollbracht.
Ein neuer Roman von José Riço Direitinho: Kerker der Engel erscheint, seine Erzählungen Das Haus am Rande des Dorfes gehen in die 2. Auflage, und der Autor wird auf Lesungen nach Deutschland eingeladen. Mit Maria Jaéns Roman Die verschwiegene Frau startet eine neue Reihe mit zeitgenössischen katalanischen Autoren im Elfenbein Verlag: Erstmals kann eine größere Lesereise organisiert werden, die die Autorin von Berlin über München, Nürnberg, Heidelberg nach Köln führt.
Christopher Krause wird zusätzlicher Verlagsvertreter und teilt sich mit Nicole Grabert das Vertretungsgebiet Deutschland: Er bereist fortan den Norden, Nicole Grabert den Süden, die Berliner Buchhandlungen besuchen beide zusammen.
Mit Seth Meyer-Bruhns wird schließlich das Vertreterquartett vollzählig und auch endlich der österreichische Buchhandel mit den Titeln aus dem Hause Elfenbein versorgt.
27 Titel sind bisher erschienen und alle weiterhin lieferbar.  

2001
Ein neuerlicher Umzug ist beschlossene Sache, soll der Absprung aus der Heidelberger Idylle hinein ins Großstadtleben doch bald vollzogen werden – da muss schon vorzeitig das Hochparterre geräumt werden. Der Verlag zieht als Untermieter vorübergehend ein paar Meter weiter in die Landfriedstraße, wo er in einem Zimmer einer feudalen Gründerzeitwohnung für 6 Monate sein Domizil hat.
Erstmals nimmt der Verlag nun auch an der Leipziger Buchmesse im Frühjahr mit einem eigenen Stand teil und knüpft weitere wertvolle Kontakte zu Journalisten und Buchhändlern. Auf der Messe lesen die Elfenbein-Autoren Gregor Eisenhauer und Helmut Pöll aus ihren neuen Büchern.
Zum Themenschwerpunkt Griechenland auf der Frankfurter Buchmesse legt der Verlag eine von Günter Dietz vollständig durchgesehene und mit Anhang versehene Übersetzung von Odysseas Elytis' Hauptwerk To Axion Esti – Gepriesen Sei vor – in einer großformatigen zweisprachigen Ausgabe, die, kaum erschienen, schon in die 2. Auflage geht. Auch hier eine nette Anekdote: Bei der Suche nach dem nur dem Namen nach bekannten Übersetzer kontaktierten die Verleger die Telefonauskunft, die gut 150 Namensvetter auflistete. Der erste Anruf brachte schon den Erfolg: Günter Dietz wurde von seiner wenig überraschten Frau nur einen Stadtteil entfernt ans Telefon geholt ...
Der Verlag weitet sein Programm auf die zeitgenössische griechische Literatur aus und veröffentlicht Alexander Adamopoulos' Prosaband Zwölf und eine Lüge. In der Reihe Literarische Moderne gibt Angela Reinthal zusammen mit Dierk Hoffmann das Jugendwerk des Protoexpressionisten Paul Leppin Daniel Jesus neu heraus, dessen »schöne, bibliophile Neuausgabe« die »Neue Zürcher Zeitung« lobt.
Nach der Buchmesse bereiten sich die Verleger auf den lange geplanten Umzug nach Berlin vor, der im November schließlich durchgeführt wird.
Lieferbare Titel: 42.  

2002
Der Verlag arbeitet nun in 3 Büroräumen im 2. Quergebäude einer ehemaligen Brotfabrik am Prenzlauer Berg. »Hoch hinaus« war das Ziel, und hoch liegt nun auch das Büro: in der 3. Etage mit herrlichem Blick in einen typischen, an Vorwende-Zeiten erinnernden Berliner Innenhof. Rote Backsteinmauern und ein denkmalgeschützer Schornstein verbreiten Charme, mittags ist die Traditions-Imbissbude »Konnopke« nur einen Steinwurf weit entfernt. Gewissermaßen als »Einstand« präsentiert der Verlag eine Neuausgabe des Romans Fertig mit Berlin? von Peter de Mendelssohn, herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Katharina Rutschky. Steffen Martus (Berliner Zeitung) sieht in diesem Jugendwerk Mendelssohns einen »Pop-Roman der Generation Berlin in der Weimarer Republik«. Berlin zeigt sich als richtige Wahl für einen jungen und neugierigen Verlag: Lesungen verschiedener Autoren im Tschechischen Zentrum, im Salon Britta Gansebohm im Podewil, in der LiteraturWerkstatt sowie im Literaturhaus können vereinbart werden und ziehen reges Interesse und Besprechungen nach sich.
Pünktlich zum 200. Geburtstag Victor Hugos erscheint 1848 – Ein Revolutionsjournal, herausgegeben, übersetzt und kommentiert von Jörg W. Rademacher, dem Gregor Dotzauer im »Tagesspiegel« bescheinigt, es sei »lebendiger zu lesen als mancher dickleibig dahintreibende Roman«. Auf der Präsentation der französischen Botschaft in der Maison de France nehmen die Verleger ersten Kontakt mit dem diplomatischen Parkett der Hauptstadt auf, das gar nicht rutschig scheint.
Bis Ende Juni 2002 sind 50 Titel erschienen - alle weiterhin lieferbar.

2003
So langsam wird der Elfenbein Verlag eine echte Berliner Pflanze. Zum einen fühlt man sich wohl in einer Stadt, die sich mit Paradiesvögeln wie Nicolaus Sombart schmücken kann: Sein hochamüsantes und indiskretes Journal intime 1982/83 kommt im Mai heraus und wird der erste Bestseller des Verlags. Knapp 50 Besprechungen, auch im Radio und im Fernsehen, tragen zur Verbreitung bei, eine exklusive Lesung im berühmten Etablissement »Petit Chalet« wird der Höhepunkt in Sombarts 80. Geburtsjahr. Zum weiteren ist nun die Klabund- Werkausgabe im 75. Todesjahr des Dichters mit dem Band 8: Aufsätze und verstreute Prosa abgeschlossen. Damit wurde der Beweis erbracht, dass ein Verlag durchaus auch ohne Zuschüsse eine umfangreiche und sorgfältig edierte Werkausgabe im Zeitplan realisieren kann.
Natürlich sind große Leistungen nicht auf dem Mist zweier Verleger gewachsen. So wie bei Klabund vier Herausgeber und zahlreiche Mitarbeiter tätig waren, so verband auch bei der Wiederentdeckung des Schriftstellers Anton Schnack ein neues Familienmitglied Elfenbeins ­ Hartmut Vollmer ­ seinen Fleiß und sein enormes Wissen zu einer wohlfeilen Ausgabe der Werke in zwei Bänden. Die Feier seines 100. Geburtstages in der Heimatstadt Kahl wurde zu einem Fest mit Wein, Freunden und Gedichten.
Die Erfolge nehmen in diesem Jahr fast überhand: Unser Autor Rainer Kloubert landet mit seiner Businessnovelle Der Quereinsteiger einen echten Überraschungscoup, der sogar im »Manager Magazin« gewürdigt wird: »Eine Sensation [...] ein Lehrstück über deutsche Manager im Ausland [...] ein brisantes Werk.« Innerhalb von einer Woche ist die erste Auflage verkauft.
Und noch eine besonders schöne Perle: Der durch einen langwierigen Gerichtsprozess gebeutelte Autor Alban Nikolai Herbst (»Meere«) veröffentlicht seine poetologische Verteidigungsrede bei Elfenbein: Die Illusion ist das Fleisch auf den Dingen.
Ende des Jahres blickt der Elfenbein Verlag auf sein erfolgreichstes Geschäftsjahr zurück und gleich darauf wieder in die Zukunft. Bis Ende 2003 sind 60 Titel erschienen - und natürlich bleiben alle weiterhin lieferbar.

© Januar 2004 Elfenbein Verlag

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